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Auszüge aus dem Buch
Geschichte der Königlich Deutschen Legion 1803-1816
von Bernhard Schwertfeger
In zwei Bänden
Hannover und Leipzig
Hahn’sche Buchhandlung
1907
Band 2 S.315ff

Erzählung der Teilnahme des 2.  leichten Bataillons
der Kgl. Deutschen Legion an der

Schlacht von  Waterloo

Vom Obersten und Brigade-Kommandeur Georg Baring
(aus dem hannoverschen militärischen  Journal 1831, Heft 2)

Kürzungen im Text sind durch ..... kenntlich gemacht. Es wurde die alte Rechtschreibung beibehalten.
 

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La Haye Sainte -  heute -  gesehen vom Löwenhügel
Die Stellungen der Alliierten waren links, die der Franzosen rechts.

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Die Veröffentlichung auf dieser Homepage geschieht mit freundlicher Erlaubnis des Verlages
Hahnsche Buchhandlung Postfach 2460 , 300024 Hannover
www.hahnsche-buchhandlung.de

Für die Erteilung dieser Erlaubnis möchte ich mich bei
 Herrn Dr.Zimmerhackl ausdrücklich bedanken!

...........Schon war die Erwartung der Truppen durch die Rückkehr Napoleons von Elba und die dadurch herbeigeführten Bewegungen in Frankreich auf einen hohen Grad gespannt, als eine Order mit Tagesanbruch des 16. Junius 1815  die Bataillone der 3. Division unter dem Commando des Generals Carl v. Alten aus ihren Quartieren bei Escouffines zusammenrief, von wo sie nach  dem Vereinigungsorte Braine le Comte marschirten, um sogleich nach Nivelle aufzubrechen. – Die englische und hannoversche Brigade marschirte von da nach Quatrebras, unsere aber, die zweite der deutschen Legion, rückte unter dem Obersten von Ompteda eine Stunde weit auf der Chaussee  nach Mons hinaus und nahm dort Position. Am Nachmittage hörten wir da.s heftige Feuer zur linken, ohne zu wissen, was es eigentlich war. Ehe wir noch den Ausgang erfuhren, rief uns eine Ordre am Abend zur Division nach  Quatrebras, wo wir Nachts 12 Uhr eintrafen, und sahen uns mit dem anbrechenden Morgen dem Feinde gegenüber auf dem Schlachtfelde des vorigen Tages.

Einzelne Schüsse der Vorposten bezeichneten den beginnenden Tag des 17. Junius, übrigens waren beide Armeen dem Anscheine nach ruhig und wir erwarteten jeden Augenblick die Ordre zum Angriffe. Gegen 7 Uhr Morgens wurde ich zum General Alten gerufen und erfuhr, daß die uns links stehende preußische Armee am Abend zuvor geschlagen sey, und wir uns in Folge  dessen sogleich auf Genappe zurückziehen sollten; zugleich erhielt ich den  Befehl, mit dem Bataillone die Arriergarde zu bilden. Ich ließ daher alle Vorposten sofort schwach ablösen, nahm eine concentrirte Stellung mit ihnen, und als die Division soweit zurückmarschirt war, daß wir sie aus  dem Gesichtskreise verloren hatten, fing auch ich meinen Rückzug an. Außer dem Bataillon hatte ich noch zwei Schwadronen braunschweigischer Kavallerie unter meinem Befehl, und wenn der Feind mit Heftigkeit aufgedrungen wäre, so mußten wir in einem so offenen Terrain notwendig  bedeutend verlieren, worauf ich auch ganz gefaßt war. Wider alle Erwartung  folgte der Feind nur von Ferne, und ich stieß bei Jemappe zu der Division,  ohne einen Schuß gethan zu haben. Nach einem kurzen Halt brachen wir etwa um 2 Uhr Nachmittags wieder auf, und in dem Augenblicke entlud sich ein heftiges Gewitter mit einem so ungewöhnlich starken Regen, daß die Truppen  in wenigen Minuten bis an die Knie im Wasser standen. Alles marschirte  jetzt auf der großen Straße nach Brüssel, so daß der Weg durch die Menge der darauf befindlichen Truppen of gestopft war. Es traf sich, daß mein  Bataillon und das 95ste englische Regiment die letzten der Infanterie  waren.

Die Franzosen drängten mit ihrer Kavallerie die unsrige jetzt sehr stark und mit so gutem Erfolge, daß sie einige unserer Regimenter über den Haufen warfen. Ich sah den Feind nur noch einige hundert Schritte hinter mir, marschierte daher mit dem Bataillone von der Chaussee aufs Feld, bereit, in einem Quarrée den Feind zu empfangen; der Oberst Barnard that mit  dem 95sten Regimente dasselbe auf der anderen Seite. So marschierten wir bis halb 8 Uhr zu der Position bei Waterloo, ohne jedoch von der feindlichen Kavallerie angegriffen zu werden. Ich ward jetzt nach der  Meierei La Haye sainte geschickt, um sie mit dem Bataillon zu besetzen. So viel das noch übrige Tageslicht und der anhaltende Regen erlaubte, machten wir kleine Vertheidigungsanstalten, und legten uns dann in Erwartung der Ereignisse des nächsten Morgens nieder.

Die Meierei La Haye sainte liegt bekanntlich dicht an der Chaussee,  welche von Jemappe nach Brüssel führt, im Zentrum der beiderseitigen Positionen und auch etwa in der Mitte zwischen ihnen. Das Wohnhaus, eine Scheuer und die Ställe waren mit einer Mauer im Viereck umgeben, dessen Inneres den Hofraum bildete. Vorne, nach der feindlichen Seite zu, war ein  Obstgarten mit einer Hecke eingeschlossen, und nach hinten ein Küchengarten, welcher an der Chaussee mit einer kleinen Mauer, sonst aber auch mit einer Hecke umschlossen war. Aus dem Hofe selbst führten zwei Thüre und drei große Thore aufs Freie, von denen die der Scheuer leider gleich Anfangs von den Truppen zerschlagen und verbrannt war.

Das Bataillon hatte 6 Compagnien, die im Ganzen nicht volle 400 Mann  zählten; 3 Compagnien hatte ich in den Obstgarten postiert, 2 in die Gebäude und 1 hinten in den Küchengarten. So wichtig der Besitz der  Meierei auch augenscheinlich war, so unzulänglich waren demungeachtet die Vertheidigungsmittel, und ich mußte noch außerdem gleich nach dem Einrücken  die Zimmerleute des Regiments in Folge erhaltenen Befehles nach dem Pachthofe Hougomont schicken, so daß mir auch nicht eine Hacke blieb, da unglücklicher Weise das mit Schanzzeug beladene Maulthier am Tage zuvor verloren gegangen war.

Mit dem anbrechenden Morgen des 18. Junius suchten wir alle Mittel hervor, um Verteidigungsanstalten zu treffen, wobei die verbrannte Thür der Scheuer die größten Schwierigkeiten verursachte. Hiermit, und mit dem Kochen einiger in der Meierei vorgefundenen Kälber brachten wir den Morgen  zu, als nach 11 Uhr der Angriff gegen den rechten Flügel anfing. Jeder  begab sich nun auf seinen Posten, und ich verfügte mich in den Obstgarten,  da dieser zunächst angegriffen werden mußte. Die Meierei liegt in einer Vertiefung, so daß eine kleine nahe vor dem Obstgarten sich herziehende  Erhöhung den heranrückenden Feind verbarg. Kurz nach Mittag eröffneten einige Plänkerer den Angriff; ich ließ die Leute sich niederlegen und verbot alles Feuern, bis der Feind ganz nahe wäre. Der erste feindliche Schuß zerschlug mir den Zügel des Pferdes dicht vor der Hand, und ein zweiter tödtete den bei mir haltenden Major Bösewiel. Der Feind hielt sich nicht lange mit Plänkern auf, sondern rückte sogleich mit zwei geschlossenen Kolonnen über die Höhe hervor, deren eine die Gebäude  angriff, und die andere sich in Masse mit der größten Verachtung unseres Feuers auf den Obstgarten warf. Unserer geringen vereinzelten Zahl war es  nicht möglich, dieser wüthend angreifenden Uebermacht völlig zu widerstehen;  wir zogen uns an die Scheuer in eine mehr vereinigte Stellung zurück, um die Vertheidigung fortzusetzen. Meinem Pferde war ein Bein zerschmettert und ich mußte das meines Adjudanten nehmen. Der Oberstlieutnant von Klenke kam jetzt mit dem lüneburgischen Bataillone uns zu Hülfe. Wir griffen sofort wieder an und hatten die Feinde schon zum Weichen gebracht, als ich vorn zur Seite des Obstgartens eine starke Linie feindlicher Kürassiere sich formiren sah; zugleich kam der Hauptmann Meyer aus dem hinteren  Garten, um mir zu melden, daß die Feinde den Garten umgangen hätten und es nicht möglich sein würde ihn zu halten. Ich gab ihm daher Befehl sich in die Gebäude zurück zu ziehen und diese vertheidigen zu helfen. Ueberzeugt  von der großen Gefahr, die uns durch die schwache und leicht zu  durchbrechende Hecke drohte, rief ich meinen Leuten, die mit den neu ankommenden Hannoveranern infolge des Tiralleurgefechts untermischt  waren, zu, sich um mich zu sammeln, indem ich die Absicht hatte, mich in  die Scheuer zu ziehen. Die Zahl der uns zu Hülfe gekommenen übertraf die der Leute, welche ich unmittelbar bei mir hatte mehrfach, und da  gleichzeitig feindliche Infanterie sich des Gartens bemeisterte, indem die Tirailleure durch einen Colonnenangriff vertrieben wurden, so glaubten diese, als sie auf dem freien Felde die Kürassiere erblickten, sich nur  dadurch retten zu können, daß sie der Hauptposition zueilten. Meine  Stimme, jenen unbekannt und auch wohl nicht durchdringend genug, blieb mit  allen Versuchen, meine Leute unter diesen höchst ungünstigen Umständen zum Stehen und Sammeln zu bringen, ungehört. Schon von der Kavallerie ereilt, stießen wir1 auf die feindliche Infanterie,  welche den hinteren Garten umgangen hatte, und mußten deren Feuer  passieren, um die Position der Armee zu erreichen, welches auch einem Theile gelang. Trotz dieser Unfälle wurde die Meierei selbst von den darin commandirenden Lieutenants Carey und Graeme und Fähnrich Frank fortwährend  tapfer vertheidigt. Die englischen Dragonergarden kamen nun heran, schlugen die Kürassiere, fielen über die Infanterie her, welche schon viel gelitten hatte, und rieben sie beinahe ganz auf.

1.Vom Verfasser hervorgehoben. Aus dieser Darstellung  geht klar hervor, daß Baring selbst mit nach der Hauptstellung zurückgegangen ist, was Wellingtons Irrtum bezüglich der Wegnahme von la Haye Sainte in gewissem Maße erklärt.

In diesem ersten Angriffe hatte ich sehr bedeutend an Leuten, so wie 3 todte und 6 verwundete Offiziere verloren. Auf mein Ansuchen um Verstärkung  wurden mir daher die Capitains v. Gilsa und Heinrich v. Marschalck mit  ihren Compagnien vom 1. leichten Bataillon zugetheilt. Diesen mit einem Theile unsers Bataillons gab ich die Vertheidigung des hinteren Gartens, und  überließ den vorgenannten 3 Offizieren die Gebäude, die sie schon so rühmlich vertheidigt hatten. Den vorderen Obstgarten besetzte ich gar nicht  wieder. Nur eine halbe Stunde Frist ward uns vom Feinde gelassen, die wir dann auch so gut wie möglich anwendeten, um uns gegen einen neuen Angriff vorzubereiten. Dieser erfolgte denn auch in eben dem Maße wie zuvor, nämlich von zwei Seiten mit zwei geschlossenen Colonnen, die uns mit größter Geschwindigkeit beinahe ganz umschlossen und mit einer alle Gefahr verachtenden Wuth fochten, die ich in solchem Grade bei Franzosen noch nicht kennen gelernt hatte. Durch ihr Aufdringen in Masse begünstigt traf jede unserer Kugeln und begnügte sich selten mit einem Opfer. Dies hinderte sie aber nicht, sich geradezu auf die Mauer zu werfen, und nach den aus den Schießlöchern gehaltenen Büchsen zu greifen, um sie dem Gegner zu entreißen; für den ebenso verwegenen Versuch, die Thore und Thüren  einzubrechen, büßten gar manche mit dem Leben. Der härteste Kampf war da,  wo die erwähnte Scheuerthür fehlte, und wo sie einzudringen fest entschlossen schienen. Auf diesem Flecke lagen in jenem Augenblicke  bereits gegen 17 Feinde todt über einander, und schützten noch mit ihren Leichen die neu aufdringenden Freunde.

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La Haye Sainte - heute - Wohngebäude vom Innenhof aus gesehen

Während dieser Zeit formirten sich rechts vorwärts vor der Meierei vier Linien von Kavallerie; die ersten Kürassiere, die zweiten Ulanen, die dritten Dragoner und die vierten Husaren. Daß ihre Bestimmung war, die  Quarrées in der Position unserer Division anzugreifen, um durch deren  Zernichtung die ganze Linie zu durchbrechen, blieb mir keinen Augenblick  zu bezweifeln, eben so wenig, was unser Schicksal sein würde, wenn ihr  Vorhaben gelänge. Indem sie nun dicht an der Meierei her gegen die  Position marschirten, ließ ich das ganze Feuer, was möglicherweise dahin  gebracht werden konnte, auf sie richten, wodurch zwar viele Menschen und  Pferde niedergeworfen wurden, ohne indeß den Muth zu brechen. Ohne sich im  Mindesten um unser Feuer zu kümmern, rückten sie mit größter  Unerschrockenheit vor und griffen die Infanterie an. Alles dies konnte ich übersehen, und ich gestehe gern, daß mir hin und wieder schwer ums Herz  ward. Wie diese Kavallerie von unseren Infanterie-Quarrées aufgenommen und zurückgeschlagen wurde, ist zu bekannt, als daß ich es hier zu berühren  brauche.

Das Gefecht in der Meierei hatte mit ununterbrochener Heftigkeit  fortgedauert. Nichts konnte indeß den Muth unserer Leute beugen, die dem Beispiele ihrer Officiere folgend, der Gefahr lachend Trotz boten. Nichts konnte einen höhern Muth, nichts mehr Zuversicht geben, als ein solches  Benehmen zu sehen. Dies sind die Augenblicke, wo man fühlen lernt, was der  Soldat einer dem anderen ist, was eigentlich das Wort Kamerad in sich  faßt; es sind Gefühle, die auch den Rauhesten durchdringen müssen, die aber nur der vollständig erkennen kann, der Zeuge solcher Augenblicke  gewesen ist.

Als die Kavallerie sich zurückwandte, gab auch die Infanterie ihren fruchtlosen Angriff auf, und zog sich, begleitet von unserem Hurrah und Hohngelächter, zurück. Unser Verlust war bei diesem Angriffe nicht so bedeutend wie zuvor gewesen; mir aber war mein Pferd wieder erschossen, und da mein Bedienter mich todt geglaubt und mit meinen anderen Pferden  weggeritten war, so ließ ich von den vielen herrenlos umher laufenden mir eines auffangen.

Das Zertrümmerte herzustellen und zu verbessern war die erste Sorge für alle. Meine ängstlich größte aber war die Munition, die ich durch das anhaltend heftige Feuer denn auch schon bis über die Hälfte abgenommen fand. Sogleich schickte ich einen Officier mit diesem Berichte zurück und bat um Munition, welche mir auch versprochen wurde. Eine Stunde mochte  unter diesen Vorrichtungen verstrichen sein, als ich wiederum zwei  feindliche Kolonnen auf die Meierei heranmarschirend entdeckte; mit der Meldung davon sandte ich einen Officier zu der Position zurück, und ließ zugleich die Bitte um Munition wiederholen.

Schon wurde unsere kleine Aufstellung mit gleicher Wuth wie vorhin angegriffen und mit gleichem Muthe vertheidigt, als mir die Schützencompagnie des 5. Linienbataillons unter Capitain v. Wurmb zu Hülfe geschickt ward,  die ich mit im Hofe aufstellte. So willkommen mir diese Verstärkung auch war, so konnte sie mir den Mangel der Munition doch nicht ganz ersetzen, der mit jedem Augenblicke zunahm, so daß ich nach einer halben Stunde unausgesetzten Kampfes wieder einen Officier mit derselben Bitte abschickte, die eben so fruchtlos blieb wie die früheren Bemühungen. Jedoch schickte man mir noch 200 Mann Nassauer. An dem mehrgenannten  offenen Eingange der Scheuer erhob sich jetzt der heftigste Kampf. Dem  Feinde, welcher durch offene Gewalt nichts ausrichten konnte, war es  gelungen, Feuer hinein zu werfen, denn durch kein Mittel erreichte er leichter, uns aus der Meierei zu vertreiben, als dadurch, daß er sie niederbrannte.

Unser Schreck war daher nicht gering, als wir einen dicken Rauch aus der Scheuer emporsteigen sahen, und die Noth wuchs mit jedem Augenblicke;  zwar war Wasser im Hofe, aber alle Geräthschaften zum Schöpfen und Tragen fanden wir zerschlagen. Zum Glück trugen die Nassauer große Feldkessel;  ich riß einem Mann den Kessel vom Rücken, mehrere Officiere folgten meinem Beispiele, füllten die Kessel mit Wasser und trugen sie, den beinahe gewissen Tod verachtend, aufs Feuer. Leute, die schon mit solcher Tapferkeit gefochten hatten, bedurften des Beispiels ihrer Officiere kaum mehr, in wenigen Augenblicken trug kein Nassauer einen Kessel und das Feuer wurde damit glücklich gelöscht, leider aber auch mit dem Blute manches braven Mannes. Mehrere der Leute waren, obgleich mit Wunden  bedeckt, nicht zum Zurückgehen zu bringen. So lange unsere Officiere fechten und wir stehen können - war ihre stete Antwort - weichen wir nicht von der Stelle. Ich würde ungerecht gegen einen Schützen namens Friedrich  Lindau handeln, wenn ich seiner hier nicht erwähnte. Schon aus zwei Wunden am Kopfe blutend, und mit einem beträchtlichen Beutel voll Goldstücken in seiner Tasche, den er einem feindlichen Officier abgenommen, stand er an der rückwärts gelegenen kleinen Scheuerthür und vertheidigte von da den vor  ihm befindlichen großen Eingang. Ich hieß ihn zurückgehen, da das um seinen Kopf gebundene Tuch nicht hinreichte, das heftige Bluten zu stillen. Er aber, uneingedenk seiner Wunden und seines Goldes, erwiderte:  "ein Hundsfott, der von Ihnen weicht, so lange der Kopf noch oben ist!" Er  ward nachher gefangen und büßte seine Schätze ein.

La_Haye_04_11

La Haye Sainte - heute
Innenhof mit Torgebäude zur Strasse

Welche Gefühle mich daher ergriffen, wie ich beim Überzählen der Patronen fand, daß der Mann im Durchschnitte nur noch 3 bis 4 Stück hatte,  das wird jeder erwägen, der sich in meine Rolle denkt. Die Leute achteten nicht auf ihre durch ungeheure Anstrengungen abnehmenden Kräfte, und verrammelten sogleich die Löcher, welche die feindlichen Kanonenkugeln in den Mauern bewirkt hatten; aber nicht unempfindlich blieben sie über die  Lage, worin der Mangel an Munition bei einem Angriffe sie versetzen mußte,  und machten mir darüber die billigsten Bemerkungen, deren ich wahrlich nicht bedurfte, um die dringendsten Vorstellungen zu erneuern, und am Ende  bestimmt zu berichten, daß ich einen neuen Angriff in diesem Zustande  abzuschlagen nicht fähig sei. Alles blieb ohne Erfolg!*   Mit  welcher Angst sah ich jetzt wieder zwei feindliche Colonnen auf uns zu  marschiren! Gesegnet hätte ich in diesem Augenblicke die Kugel, die meinem Dasein ein Ende bereitet hätte. Aber mehr als das Leben stand auf dem Spiele, und die ungewöhnliche Gefahr erforderte ungewöhnliche  Anstrengung und Festigkeit. Auf mein Zureden zum Muthe und zur Sparsamkeit  mit der Munition erhielt ich die einstimmige Antwort: "Keiner weicht von Ihnen, wir fechten und sterben mit Ihnen!"  Keine Feder, auch die eines  Mannes nicht, der solche Augenblicke erlebt hat, vermag die Gefühle zu  beschreiben, die er in mir erregte! Alles verschwindet dagegen. Noch nie hatte ich mich so hoch gefühlt. Aber auch noch nie war ich in eine so  grausame Lage versetzt gewesen, wo die Ehre mit der Sorge für die  Erhaltung der Männer stritt, welche mir jetzt einen so unbegrenzten Beweis von Zutrauen gaben.

Anderthalb Stunden mochte dieser Angriff wohl wieder gedauert haben, als die Franzosen, von ihren vergeblichen Anstrengungen ermüdet, sich noch einmal zurückzogen. Leicht wird man mir unsere Freude darüber glauben. Mit  jedem erneuerten Angriffe ward ich mehr von der Wichtigkeit überzeugt, die in der Erhaltung dieses Postens lag. Mit jedem Angriffe nahm also auch das  Gewicht der Verantwortlichkeit zu, und ich darf wohl behaupten, daß diese nirgend schwerer ist als da, wo der Officier im Felde sich selbst  überlassen augenblicklich einen Entschluß fassen muß, von welchem  vielleicht seine und der Seinigen Ehre und Leben, ja selbst noch größere  Erfolge jeder Art abhängig sein können. Bei Schlachten sind bekanntlich  die anscheinend größten Kleinigkeiten nicht selten von unberechenbarem Einflusse

Baring rund

*Es ist zu  bemerken, daß das Bataillon mit Büchsen bewaffnet war, und daher die  gewöhnliche Infanterie-Munition nicht gebrauchen konnte. Dieser Umstand  macht das Vorgefallene erklärlich, zeigt aber auch zugleich, wie gefährlich es werden kann, wenn man Feuergewehre von verschiedenen Kalibern hat. - Anm. der Redaktion des hannov. militär. Journals)

Major Georg Baring

Wie geht es mit der KGL und Major Baring weiter?
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